Jung, mobil, beteiligt – Aspekte smarter Jugendbeteiligung

By | 11. November 2014

Person mit umgeschnalltem IPadAktuelle Studien zeigen den Wandel bei den bevorzugten Kommunikationsgeräten junger Menschen. In Bitkom-Umfragen (1 http://www.bitkom.org/de/presse/30739_79922.aspx + 2 http://www.bitkom.org/de/presse/30739_79221.aspx), in der ARD-ZDF-Onlinestudie (3 http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=506 ) und in der JIM-Studie (4 http://www.mpfs.de/index.php?id=624 ) werden Smartphones vor Computern angeführt. Gleichzeitig wird auf der Softwareseite der Trend zu speziell konfektionierten Apps für Mobiles, die früher mal Handys genannt wurden, deutlich spürbar. Die neuen Tablet- und Smartphone-Abmessungen verlangen auch eine den Bildschirmgrößen entsprechende Ausgabe in der Darstellung von Webseiteninhalten. Responsives Design der klassischen Internetangebote, die bisher nicht für Handheld-Geräte konzipiert wurden, wird für ein jugendliches Publikum zur Notwendigkeit. Daraus leiten sich neue Problemstellungen für die Adressierung an die junge Zielgruppe ab: Die Programmierbasis von interagierenden Online-Angeboten ist bisher nur bedingt für eine teure Anpassung an den Gerätewandel ausgelegt. Viele über Jahre angebotene Jugend-Informationsseiten und medienpädagogische Aktionsseiten werden auf den mobilen Endgeräten nicht adäquat angezeigt und verlieren schnell ihre sowieso schon kleine Nutzergruppe.

Die Problematik stellt sich besonders bei erst in den letzten Jahren entwickelter Beteiligungssoftware wie z.B. Liquid Feedback (5 http://liquidfeedback.org/), Adhocracy (6 https://adhocracy.de/), verschiedenen Bürgerhaushalt-Angeboten, aber auch aktuellen Diskurs-Anwendungen wie tricider (7 http://www.tricider.com/ ) oder brabbl (8 http://www.brabbl.com/). Sie sind derzeit noch nicht auf mobile Endgeräte ausgerichtet – ein Dilemma. Die Kosten für die Übersetzung bestehender Software in mobile Lösungen oder Apps verlangt Investitionen, die schnell sechsstellig werden können – Geld, das die Budgets gemeinnütziger Open-Source Projekte sprengt und damit ihre Softwarelösungen schon jetzt zum Auslaufmodell macht. Dies führt in der Folge unweigerlich auch zum Ausschluss vieler Jugendlicher in Online-Beteiligungsprozessen.

Mitunter muss das gesamte Softwarekonzept neu gedacht und aufgesetzt werden. Glück für die, die jetzt erst Neues produzieren – wichtig für gewachsene Lösungen, dass jetzt öffentliche oder genossenschaftliche Förderungen zur Weiterentwicklung bereitgestellt werden.

(e)Partizipation

Mit dem Wachsen der Sozialen Netzwerke stieg auch die Hoffnung, mehr Partizipation via Internet realisieren zu können. Das „e“ an Partizipation zu setzen, reicht aber nicht, wenn das Beteiligungsverständnis mangelhaft ist. Oft begegnen uns Mogelpackungen und Beteiligungsfallen – online und offline. Partizipation findet nicht durch Betitelung und vergebene #Hashtags statt: Der Etikettenschwindel reicht von Fragen zu Dingen, die schon längst beschlossene Sache sind, über dekorative Statements bis hin zu aufwendigen Verfahren, die letztlich nur der Information dienen und Beschlüsse mit vermeintlich stattgefundener Beteiligung rechtfertigen sollen. Echte Partizipation zeichnet sich durch eine verändernde Wirksamkeit aus, die analoge Folgen hat. Stufungen von Beteiligungsverfahren sind hilfreich, um Erwartungen zu relativieren und Glaubwürdigkeit zu bewahren (Siehe hierzu 9 http://www.gov20.de/teil-2-mehr-beteiligung-realisieren-durch-digitale-medien-und-internet-epartizipation-schafft-gestaltende-zugange-fur-jugendliche-zur-demokratieentwicklung/comment-page-1/ )

Die Digitale Agenda in Deutschland (10 http://www.digitale-agenda.de) greift punktuell die erhofften Möglichkeiten für mehr Bürgerbeteiligung durch Internet und digitale Medien auf. Sie müssen durch die Definition von Bedingungen für eine erfolgreiche ePartizipation ergänzt werden. Die im Projekt Youthpart (11 http://www.youthpart.info) entwickelten Guidelines für gelingende ePartizipation (12 https://www.ijab.de/was-wir-tun/internationale-zusammenarbeit/youthpart/epartizipation-youthpart/a/show/e-partizipation-besser-verstehen/) beschreiben mit dem Fokus auf Jugendliche 6 Phasen der ePartizipation, die als grundlegend verstanden werden sollen. Dort findet sich das notwendige Gerüst, das unabhängig vom Medium tragend für Jugendbeteiligung ist: politischer Wille, Zugänglichkeit, Öffentlichkeit, Ansprechpartner, Informationen und Wirksamkeit. Eine Evaluation der Prozesse sichert die Qualität der Verfahren.

(m)participation @ your fingertips

Einladungen zur Mitwirkung sollen an die Lebenswelt der Jugendlichen anknüpfen. Die veränderte Mediennutzung Jugendlicher weist in eine Richtung: Alles wird mobil. Jugendliche erobern den Markt der Apps (13 http://netzwertig.com/2014/07/01/von-yik-yak-bis-we-heart-it-millionen-jugendliche-erobern-neue-und-alte-apps/) – die notwendigen Smartphones sind kein Luxusgut mehr (17 http://netzwertig.com/2014/08/05/veraltetes-klischee-ein-smartphone-ist-kein-luxusgut-mehr/ ).

140428_Jugend3.0(14 http://www.bitkom.org/files/documents/140428_Jugend3.0.jpg )

Sind wir auf dem Holzweg bei den derzeitigen Angeboten im Bereich ePartizipation? Sind wir auf der Suche nach Beteiligung mit falschen Geräten und holpriger Software unterwegs? Smartphones und Tablets sind heute der eigentliche persönliche Computer. Sie speichern alles, was uns wichtig ist, von Fotos und Adressen bis Pulsdaten und Bewegungskarten. Ihre Anbindung an Social Networks, „WhatsApp“-Gruppen und anderen Chat-Gemeinschaften erlauben das Seeding (15 http://de.wikipedia.org/wiki/Viral_Seeding) von weiteren Mitmachern. Leicht wie ein Messenger muss sich heute ein Partizipationstool bedienen lassen! So einfach wie ein Selfie sollte sich ein illustrierendes Foto zum Kommentar in einem Beteiligungsdiskurs ergänzen lassen! Spielerisch wie Minecraft auf dem Smartphone (16 http://minecraft-de.gamepedia.com/Pocket_Edition) muss sich städteplanerische Beteiligung realisieren lassen! So wie Nachrichten, Anwendungen, Communitys auf´s Smartphone zielen, muss Beteiligung ebenfalls diesen Ort der (sprichwörtlich) personennahen Kommunikation suchen. Dies ermöglicht die erwünschte Erreichbarkeit und Unmittelbarkeit in Beteiligungsverfahren – so wirkt Beteiligung im virtuellen Freundeskreis, in der Clique, in der Schule, am Arbeitsplatz oder auf der Sportanlage.

Es geht um nicht weniger als die Transformation des Komplexen zum Nutzbaren.

 

gfxertelt2(Screen der minimalistischen Kommunikationsapplikation yo! 17 https://play.google.com/store/apps/details?id=com.justyo&hl=de )

Von “fix my street” zu “my idea”

Einfache Verfahrenswege kann man von Meldesystemen wie „mark a spot“ (18 http://www.markaspot.de) lernen. Allerdings mangelt es hier auch noch an mobilen Varianten der Anwendung. Selbst das fürs Smartphone konzipierte „Ushahidi“ (19 http://www.ushahidi.com) – eine geniale, weiter zu verfolgende Entwicklung aus Afrika, die Informationen kartografiert und zur Diskussion und Abstimmung stellt – arbeitet noch an einem intuitiven User-Interface. Der Drei-Schritte-Gang dieser Anwendungen zeigt uns aber bereits die aufzugreifenden Optionen: Einstieg über eine Meldung mit Foto (und ggf. georeferenzierte Daten, GPS-Standort), Verbreiten des Anlasses über angebundene Social Media, Aufgreifen des Anliegen durch Politik und Verwaltung und Anstoßen eines diskursiven Prozesses in der Leitlinie einer „flüssigen Demokratie“ (Softwarelösungen wie „adhocracy“). Im Hintergrund, dem sog. „Backend“, muss ein wirksames Bearbeiten der Eingaben erfolgen, das hier weit über die Reparatur einer Straße hinausgeht. Beteiligungsprozesse werden nach diesem Modell mit begleitendem Service-Feedback eingeleitet ohne das „Frontend“ (die Softwareansicht des Nutzenden) zu überladen oder im schlimmsten Fall mit zu vielen Texten zu ersticken. Stattdessen braucht es ein simples und damit auch smartes Anliegenmanagement, so gut und geschmeidig wie ein modernes Smartphone selbst. Noch besser wird diese mPartizipation wenn sie das Beschwerde- und Vorschlagswesen verlässt und zu mobilen Bürgerinitiativen führt.

Phantasieren wir doch mal – im besten Sinne – eine Anwendung der mobilen Kommunikation, eine chic designte Initiativ-App, mit der wir Beteiligungskultur individuell via persönlichem Mobile entwickeln können: Ein GPS-referenziertes (in einer Karte abgebildetes) Selfie (Selbstportrait) vom Ort des Geschehens, des Gedankens oder des Themas gibt Auskunft über „wer“ und „wo“ – ein leichter Einstieg. Es folgt die automatische Aggregation des zu vergebenen Hashtags. Über die Hashtags und durch die ausgewerteten GPS-Koordinaten werden weitere Menschen mit ähnlichen Fragestellungen und Anliegen in der Nähe identifiziert und zur Kontaktaufnahme vorgeschlagen. Zeitgleich wird im Hintergrund ein Serviceprozess gestartet, der die Eingaben mit einem Arbeitsticket in der Verwaltung versieht, Rückmeldungen verschickt und Möglichkeiten zur Lösung des Anliegens sondiert. Die Meldungen und Feedbacks sollten ähnlich den Messengern wie z.B. „WhatsApp“ anzeigen, dass eine Nachricht ausgeliefert und zur Kenntnis genommen wurde. Das Szenario lässt sich weiterspinnen mit weiteren On- und Offline-Kombinationen und daraus resultierenden Abstimmungsprozessen. Visionär kann man annehmen, dass weitere am Smartphone oder an der neuen Smartwatch verfügbare Sensoren sowie aus „Big Data“-Wolken aggregierte Informationen den Beteiligungsprozess anreichern könnten. Die damit verbundene Datenschutzdiskussion sollte diese Zukunft nicht behindern.

Conclusion: Bremsfaktoren stationärer Beteiligung – wie Schreibtisch-Begrenzung und mangelnde Spontaneität – könnten mobil als örtliche Initiativen an Ort und Stelle mit situativer Betroffenheit und durch Beteiligung in wenig genutzter Zeit (Bahnfahren, Pause in Schule oder Betrieb) abgefedert werden und ein neues Beteiligungsengagement auslösen. Es muss einfach sein, aber eine App alleine realisiert noch keine Beteiligung. Es bedarf eines funktionierenden, in Leitlinien definierten Ablaufs im Hintergrund, der den Partizipationsprozess zum Erfolg begleitet.

 

Dieser Beitrag steht unter der Creative Commons Lizenz CC-BY-ND 3.0 DE (Namensnennung, keine Bearbeitung)

Jürgen Ertelt
Author: Jürgen Ertelt

*1957, Sozial- und Medienpädagoge, arbeitet als Koordinator im Projekt „youthpart - Jugendbeteiligung in der digitalen Gesellschaft“ bei IJAB e.V., Fachstelle für internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland, in Bonn. Dort ist er u.a. für die Modellentwicklung von Partizipationsmöglichkeiten mittels Internetangebote verantwortlich. Dabei stehen Beteiligungsmöglichkeiten Jugendlicher in eGovernment-Angeboten im Fokus. Als Webarchitekt realisiert er Konzepte für die pädagogische Arbeit mit vernetzten digitalen Medien. Jürgen Ertelt ist seit mehr als 30 Jahren medienpädagogisch aktiv. Politisch engagiert er sich zu Herausforderungen des Internets mit Blick auf Demokratie, Staat und Gesellschaft.

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