Europäische Initiativen für mehr digitale Jugendbeteiligung

By | 9. November 2014

#was Jugendliche in Europa online machen

Frau wirft Politiker Tabletts vor die FüßeUm einen Überblick über die Situation in Europa zu bekommen, lohnt es sich, die EU Kids Online Studie zur Hand zu nehmen. Die von der Europäischen Kommission (Safer Internet Program) in Auftrag gegebene Studie wurde von einem europäischen Forscherkonsortium aus 23 Ländern unter Koordination der London School of Economics im Jahre 2010 durchgeführt. Der aktuelle Report wurde 2011 veröffentlicht und beinhaltet den aktuellsten Stand in Zahlen zu Jugendlichen und dem Internet in Europa. Der Studie zufolge verbringen die 9‒16-Jährigen durchschnittlich 88 Minuten online; bei den 15‒16-Jährigen sind es beinahe zwei Stunden (118 Minuten). Von den 9‒16-Jährigen sind 60 Prozent täglich online unterwegs, weitere 33 Prozent sind wenigstens einmal wöchentlich online. Um ins Internet zu gehen, benutzen knapp die Hälfte der 9‒16-Jährigen den Computer im eigenen Zimmer (49 %), gefolgt von einem internetfähigen Mobiltelefon (33 %). Von den Befragten 9‒16-Jährigen geben drei Viertel an das Internet zu interaktiver Kommunikation (z.B. soziale Netzwerke, Instant messenging, E-Mail) zu gebrauchen. 77 % der 13‒16-Jährigen unterhalten ein eigenes Profil auf einer Seite eines sozialen Netzwerkes. Facebook ist dabei mit 46 % führend. Das Ziel der EU Kids Online Untersuchung war, unter anderem Online-Risiken zu identifizieren und mit Zahlen zu quantifizieren. Aus diesem Grunde werden hier nur die Nutzungszahlen und die Online-Aktivitäten zitiert.

Social Media sind unabdingbar mit der Internet-Technologie und dem Online-Begriff verbunden. Die typischen Merkmale des Internet bedingen diese Dienste und verstärken wiederum durch ihre Nutzung den unverwechselbaren Charakter dieser Technologie: Dazu gehören die Zeit- und Ortsunabhängigkeit, die Möglichkeit zur Aggregation und zur Visualisierung (von Zahlen, Meinungen), die Verfügbarkeit und Transparenz, die Prozesse nachvollziehbar macht. Zu guter Letzt erlaubt es jedem Nutzer seine Ausdrucksform frei zu wählen, also Schrift, Bewegtbild, Präsentation, Stimme. Social Media und Partizipation sind unmittelbar miteinander verbunden.

Im Folgenden will der Artikel einige Projekte vorstellen, die sich in der europäischen Sphäre bewegen oder bewegt haben, bevor dann eine Auswahl konkreter Beispiele erfolgt. Es bleibt eine Herausforderung, jedes aktuelle und/oder erfolgreiche ePartizipationsprojekt für Jugendliche in Europa zu identifizieren. Hier ist noch Arbeit zu leisten und dieser Artikel stellt einen Beitrag dazu dar.

#was die EU macht

Die EU fördert mit verschiedenen Programmen ePartizipationsprojekte. Während für Projekte im eGovernment Action Plan Mittel aus dem für allgemeinen Programm für Policy Forschung bereitgestellt werden, wurde für europäische Projekte, die sich mit Informations- und Kommunikationstechnologie befassen, ein eigenes Programm ins Leben gerufen: das „Competitiveness and Innovation Framework Programme“ kurz CIP. Die Kommission tritt dabei nur als einer von vielen Geldgebern auf, weshalb die meisten ePartizipationsprojekte als Private-Public-Partnership Verbindungen realisiert werden.

Näherer Betrachtung lohnen hier vor allem zwei Projekte aus den Dutzenden der letzten Jahre. Das liegt zum einen an ihrer zeitlichen Aktualität und zum anderen daran, dass sich diese beiden Projekte als erste einer konsequenten Verlinkung mit Social Media bedienen. Das Projekt „Puzzled by Policy“ fokussiert sich auf den europäischen Austausch zum Thema Immigrationspolitik in verschiedenen Ländern Europas und der EU. Die Webseite bedient sich dabei drei Komponenten: das Verstehen von Politik und der Gesetzeslage, die Beteiligung und den Austausch durch Diskussion und letztlich das Teilen in sozialen Netzwerken. Das zweite Projekt „Ourspace ‒ The virtual youth space“ richtet sich vor allem an Jugendliche. Die Idee: Ein online-Platz an dem sich Jugendliche aus verschiedenen europäischen Ländern mit Entscheidern aus Politik treffen und Meinungen austauschen: ein Jugend-Politiker Dialog online zu allen Themen, die Jugendliche bewegen. Zusätzlich bietet das Projekt eine Android-App für Smartphones sowie zwei Apps bzw. Gadgets für die sozialen Netzwerke Facebook und iGoogle. Die Verlinkung findet zudem auf youtube, Facebook, LinkedIn und flickr statt.

Fraglich bleibt bei beiden Projekten die nachhaltige Verankerung, die bisher solchen Projekten versagt blieb

Im Bereich Jugend ePartizipation lässt sich noch das 2011 abgeschlossene Projekt HUWY (Hub Websites for Youth Participation) hinzufügen. Wie bei „Ourspace“ handelte es sich hierbei um einen Jugend-Politiker Dialog, jedoch zu einem spezifischen Themenfeld: Internetpolitik. Projektpartner aus Irland, Estland, dem Vereinigten Königreich und Deutschland ermutigten jeweils im nationalen Rahmen den Dialog zwischen Jugend und Politik. Diskutiert wurde dezentral sowie real und virtuell; die Ergebnisse konnten online eingepflegt und öffentlich gemacht werden. Betreut wurde das Projekt in Deutschland vom Fraunhofer Institut und der Jugendpresse Deutschland; unter den 14 teilnehmenden Politikern in Deutschland befanden sich zahlreiche Mitglieder der Internet Enquete des Deutschen Bundestages.

Als Anlaufstelle für Jugendliche in Europa ist die Europäische Kommission das Europäische Jugendportal verantwortlich; hier informiert sie Jugendliche in Europa und verweist auf Wege, sich aktiv an der Jugendpolitik zu beteiligen. Dabei geht es um die EU-Jugendstrategie, das Programm „Jugend“, und den Strukturierten Dialog. Ziel ist es, Social Media Kanäle einzubinden und die länderübergreifende Diskussion Jugendlicher zu Europa zu stimulieren, denn es geht auch ums Zuhören. Thematisch bietet das Portal aktuell Informationen rund um Bildung, Arbeiten in Europa, Reisen, Bürgerschaft, Freiwilligenarbeit und Austausch.

Als gemeinsames Projekt des Europarates und der Europäischen Kommission startete „EdgeRyders“ und sieht sich als ein konstruktiver Interaktionskanal zwischen Europäischen Jugendlichen und demokratischen Institutionen, basierend auf dem Prinzip der internetgestützten Kollaboration mit vielen. Das Ziel „ist die Entstehung einer gemeinsamen Vision, wie junge Bürger Europas ihren Einfluss auf die gemeinsame Zukunft besser geltend machen können ‒ genauso wie den großen Anteil an sozialer Verantwortung, der damit einher geht“. Das Projekt sieht sich als weltgrößter Think Tank zu allen Themen, die Jugendliche rund um den Globus bewegen, z.B. Auskommen, Demokratie, Kunst, Medien, Kultur, Lebensentwürfe.

#was andere Länder Europas machen

An einigen Beispielen lässt sich zeigen, wie in einigen europäischen Ländern Bürger und vor allem Jugendliche durch internet-basierte Dienste eingebunden werden, ihr Umfeld zu gestalten.

Aus dem Vereinigten Königreich stammen die häufig zitierten Angebote „Fix my Street“, „Where does my money go“ und „They work for you“. Diese Webseiten ermöglichen britischen Bürgern, online Straßenschäden und andere Missstände der örtlichen Verwaltung zu melden oder abzufragen, wie genau sich ihre Steuerzahlungen auf verschiedene Bereiche verteilen. Bei „They work for you“ können die Bürger die Tätigkeiten von Politikern einsehen, ähnlich dem deutschen Angebot von Abgeordnetenwatch. Das Ziel dieser Angebote ist Transparenz in der Politik. Ein Projekt, welches seit Jahren erfolgreich die Verbindung von Social Media und Partizipation bearbeitet, ist „Practical Participation“. Dabei geht es vorrangig um die Fokussierung auf internet-basierter Beteiligung in der Jugendarbeit. In einem community-basierten Blog sind aktuelle Entwicklungen und Veranstaltungen aufgeführt und kommentiert.

In Finnland ist das Projekt „Initiative Channel“ sehr erfolgreich. Ähnlich wie „Fix my street“ handelt es sich um eine Schnittstelle zwischen Bürgern und Verwaltung. Jedoch gibt es einige Besonderheiten: Im Mittelpunkt steht der Dialog zwischen Jugendlichen und der örtlichen Verwaltung. „Initiative Channel“ gibt Jugendlichen die Möglichkeit, lokal online-Initiativen zu starten und sich mit anderen Jugendlichen zu verbinden, um diese zu realisieren. Das System ist in die lokale Verwaltung eingebettet und mit der Jugendinformation verknüpft. Jährlich wird dazu ein Report veröffentlicht. Dieser führt die Anzahl der Initiativen je Kommune auf und erlaubt, jedem nachzuvollziehen, welche Initiativen an welchem Ort gestartet und umgesetzt worden sind. Ebenso zeigt der Report Kommunen auf, die sich nicht so stark engagiert haben. Der Prozess wird also transparent und wirksam landesweit umgesetzt.

Der Stellenwert von Kindern und Jugendlichen in Finnland wird durch das Kinderparlament nochmals unterstrichen. Die Basis des nationalen Kinderparlaments stellt die UN-Vereinbarung über die Rechte von Kindern von 1989 dar. Konkrete Ziele des Kinderparlamentes sind unter anderem, eine Kultur der Demokratie zu fördern, in der Kinder angehört werden, in der sie Informationen erhalten über das, was sie betrifft, in der sie fähig sind, zu partizipieren und Entscheidungen zu beeinflussen. Aktuell bestehen in 20 Städten zudem lokale Kinderparlamente. Der Vorstand und die Ausschüsse des Kinderparlaments tagen wöchentlich, online in Chats. Dabei diskutieren sie Themen und bereiten zukünftige Hauptversammlungen vor. In einem eigenen Forum diskutieren die Mitglieder des Kinderparlamentes ihre Themen online. Außerdem antworten sie auf Umfragen, die von Politikern an sie herangetragen werden, und veranstalten online Hauptversammlungen. Einmal jährlich kommen die Kinder zu einem realen Treffen zusammen.

Das finnische Kinderparlament wird organisatorisch von einer Stiftung getragen. Es handelt sich hierbei um ein gutes Beispiel verzahnter realer und virtueller Aktivitäten. Hinzu kommt, dass Kindern und Jugendlichen die freie Wahl gelassen wird, in welcher Form sie ihre Meinung kundtun. Die Verbindung zu Politikern und Entscheidungsträgern sorgt für eine Nähe beider Welten und einem Dialog, von dem beide Seiten profitieren.

Österreich stellte 2009 eine umfangreiche Übersicht über nationale Projekte im Bereich der Jugendarbeit zusammen, die Jugendliche mittels neuer Medien an Projekten beteiligen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Familien veröffentlichte die Broschüre „Jugendbeteiligung und digitale Medien“ in der über 40 Praxisbeispiele beschrieben sind. Bestandteil der Broschüre sind ebenso eine Einführung in die e-Partizipation als auch ins Web 2.0. Ein Beispiel für den netzbasierten Dialog zwischen Jugendlichen, Kindern und Politikern bietet die DemokratieWebstatt. Neben Informationsangeboten für Kinder und Jugendliche zu Demokratie und Politik, werden im Bereich „mitgestalten und beitragen“ Chats zwischen Klassen und PoliterInnen angeboten. Jedes online-Treffen ist auf der Webseite protokolliert, nächste Chats werden angekündigt. Die Chats werden moderiert und finden in regelmäßigen Abständen zu verschiedenen Themen ‒ z.B. zu Olympia, Konsum oder Umwelt ‒ mit hochrangigen österreichischen Politikern aller Themenfelder und Parteien statt. Hervorzuheben dabei sind die Transparenz und die Verfügbarkeit der Chat-Protokolle, die Bereitschaft von Politikern mitzumachen sowie die Wahl des Kommunikationskanals und -dienstes, nämlich dem Chatroom. Die DemokratieWebstatt wird betreut vom Büro der Kinderuni der Universität Wien in Kooperation mit der Arbeitsgruppe Internet und multimediale Angebote für Kinder und Jugendliche des Projekts Demokratiewerkstatt (Parlamentsdirektion).

Schweden, Finnland und Estland schlossen sich 2009 zusammen, um gemeinsam Empfehlungen für die Inklusion von Immigranten mit Hilfe des Internet zu erstellen. Das Projekt „Immigrant Inclusion by eParticipation“, kurz IIeP, erhielt finanzielle Förderung von der EU und wurde vom Central Baltic Interreg IV A Program verwaltet. In einem online-Handbuch stellt das Projekt-Team einen Leitfaden zusammen, der Verwaltung einerseits und Immigranten andererseits Anleitung zur erfolgreichen Integration durch die Verwendung des Internet bieten soll. Begleitend zu den online-Leitfäden fanden in der ersten Jahreshälfte 2012 thematische Workshops statt. Der online-Leitfaden ist seit Juni 2012 veröffentlicht und auch als pdf erhältlich. Da sich der online Leitfaden an die Zielgruppen Verwaltung und Immigranten richtet, findet eine Differenzierung nach Bedürfnissen statt, die den Beteiligten helfen kann. Die Verfügbarkeit der Ergebnisse online trägt zur Nachhaltigkeit und zur grenzüberschreitenden Verbreitung bei.

#was fehlt

Obwohl Europa geografisch und auch qua Einwohnerzahl groß ist, spiegelt sich dies bis dato nicht in einer entsprechenden Anzahl von ePartizipationsbeispielen für Jugendliche wider. Klar ist, das Internet ist für Jugendliche ein natürlicher Bestandteil des täglichen Lebens. Der Stellenwert des Digitalen wird sich zukünftig vergrößern statt verringern. Die zahlreichen und massiven Proteste rund um das Thema ACTA und zuletzt auch mit den Protesten gegen eine Internetsteuer in Ungarn haben widerlegt, dass Jugendliche sich nicht für „ihr“ Internet interessieren und unpolitisch wären. Doch Jugendliche müssen auf sinnvolle Weise und mit internet-basierten Diensten in Entscheidungen, die sie betreffen, einbezogen werden. Politik und Verwaltung experimentieren vielerorts bereits mit Projekten und Ideen; einige Beispiele aus dem Text sind Zeugen dafür. Einige Beispiele machen vor, wie es erfolgreich funktionieren kann: Grundlegend geht es darum a) Jugendliche als wichtigen Bestandteil der Gesellschaft wahrzunehmen und sie als ernsthafte Akteure anzuerkennen, b) den Dialog zu suchen und Kooperationen mit ihnen einzugehen und c) glaubwürdig Interesse zu zeigen, die Lebenswelten verbinden zu wollen. Dabei spielen Wirksamkeit, Transparenz und Informationen eine gewichtige Rolle. Das Internet definiert die Gesellschaft neu und auch das Thema Partizipation unterliegt dieser Neu-Definition.

 

Dieser Beitrag steht unter der Creative Commons Lizenz CC-BY-ND 3.0 DE (Namensnennung, keine Bearbeitung)

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