Empfehlungen des youthpart-Fachbeirats zur Sicherung von Jugendbeteiligung in der Digitalen Gesellschaft

By | 12. November 2014

Blogger mit SprachrohrDas Projekt youthpart wird seit 2012 von einem Fachbeirat unterstützt und begleitet. Die 24 Personen im Beirat repräsentieren u.a. die Bereiche Wissenschaft, Pädagogik, Softwareentwicklung, öffentliche Verwaltung und Jugendarbeit sowie deren Organisationen. Der Beirat wirbt für mehr Jugendbeteiligung online und erörtert aktuelle Entwicklungen, die Auswirkungen auf die Partizipation von Jugendlichen haben. Zudem berät der Fachbeirat youthpart bei der Umsetzung von modellhaften Maßnahmen. Mit ihrer Expertise haben die Mitglieder des Beirats maßgeblich zur Entwicklung der Guidelines für gelingende ePartizipation Jugendlicher beigetragen.

Der Fachbeirat hat im Oktober 2014 in einem Workshop Ideen und Forderungen für eine Weiterentwicklung gelingender digitaler Jugendbeteiligung erarbeitet und adressiert diese mit diesem Text an Interessierte und politische Entscheidungsträger/-innen.

 (Jugend-) Partizipation erfordert einen Kulturwandel.

Der demografische Wandel in unserer Gesellschaft bedingt auch einen demokratischen Wandel! Die junge Generation will mehr zivilgesellschaftliche und politische Verantwortung übernehmen, sie will frühzeitig politisch beteiligt werden. Gemeinsam mit jungen Menschen  kann sich eine Beteiligungskultur entwickeln, die unsere Demokratie stärkt. So bleibt unsere Gesellschaft zukunftsfähig trotz Überalterung. Wirkungsvolle Partizipation erfordert einen Kulturwandel, der alle Ansprüche ernst nimmt.

Resultierend aus den Erfahrungen des Dialog Internet des BMFSFJ (2010 bis 2012) und des Projekts youthpart (seit 2011) empfiehlt der Fachbeirat als Zielsetzungen:

  • Die Beteiligung junger Menschen muss an politisches Handeln angebunden und in politische Entscheidungsprozesse auf allen Ebenen integriert werden. Das bedeutet: Es gibt etwas zu entscheiden, die Prozesse und Ergebnisse sind transparent und nachvollziehbar gestaltet und sie werden öffentlich kommuniziert.
  • Die Akteure in diesen Prozessen sind neben Politik, Verwaltung und Fachkräften in erster Linie die Jugendlichen selbst. Alle Jugendlichen sollten daher adäquate Möglichkeiten erhalten und in ihren Fähigkeiten sowie Kompetenzen gestärkt werden, sich mit Hilfe digitaler Medien an Politik und Gesellschaft zu beteiligen. Deswegen gehören ePartizipation sowie die Förderung und der Ausbau transitiver und intransitiver Beteiligungsformen mit und für junge Menschen auf die Digitale Agenda der Bundesregierung.
  • Neben der Aufnahme auf die Digitale Agenda hält es der Fachbeirat für erforderlich, dass das Thema ePartizipation in der Gestaltung von Jugendpolitik eine wichtige Rolle spielt.
  • Jugendbeteiligung orientiert sich weiterhin an den bereits erarbeiteten Qualitätsstandards für Beteiligung von Kindern und Jugendlichen des BMFSFJ, den im youthpart-Projekt entwickelten Guidelines und dem Leitfaden für kommunale Jugendbeteiligung (youthpart #lokal). Die im Folgenden formulierten Ansprüche sind ergänzend dazu zu verstehen.
  • Darüber hinaus sollten die weiteren Bestrebungen aus der Modellphase heraus zu einer nachhaltigen Struktur wirksamer Jugendbeteiligung führen.

Die direkte und gleichberechtigte Kommunikation zwischen den Beteiligten ist einer der wichtigen Faktoren für erfolgreiche Beteiligung.

Der Fachbeirat hält es für erforderlich, stets den Anspruch zu verfolgen, dass Jugendliche, Politik und Verwaltung auf Augenhöhe miteinander diskutieren.

Um diesen Anspruch adäquat und somit einen erfolgreichen, digitalen Beteiligungsprozess umzusetzen, sind neben den bereits vorliegenden Qualitätskriterien und Guidelines die folgenden Punkte als Maxime zu beachten:

  • Partizipationsverfahren müssen für alle Beteiligten leicht zugänglich bzw. einfach möglich sein.
  • Alle am Beteiligungsprozess Teilnehmenden erhalten Zugänge, um ihre Interessen, Sichtweisen und Vorschläge einzubringen. Auf einer Beteiligungsplattform werden diese dokumentiert und können von allen Beteiligten kommentiert werden.
  • Wichtig ist das direkte Feedback. Es bedingt, dass Jugendliche, Politik und Verwaltung im gleichen Prozess miteinander diskutieren.
  • Die anschließende parlamentarische Beratung eines Vorschlags muss nachvollziehbar und (wenn möglich) auch kommentierbar sein.
  • Es muss nachvollziehbar sein, was mit einem Vorschlag geschieht, z.B. Begründung für das Annehmen oder Ablehnen des Vorschlags.
  • Sowohl die Beteiligungsplattform als auch der Beteiligungsprozess müssen kontinuierlich ausgewertet und weiterentwickelt werden.
  • Zudem ist eine Community als selbstorganisierte Plattform sinnvoll.
  • Der Beteiligungsprozess und seine Kommunikation muss aktiv begleitet werden.
  • Ein angemessener Wissenstransfer über ein Thema muss gewährleistet sein.
  • Wichtig ist, dass die Entscheidungsebene frühzeitig in den Diskussionsprozess eingebunden wird.

Eine Plattform für digitale Jugendbeteiligung bündelt die Kräfte und schafft Kontinuität. 

Ausgehend davon, dass Know-how und professionelle Begleitung institutionelle Kontinuität brauchen, fordert der Fachbeirat eine Institutionalisierung im Sinne einer zentralen, bundesweiten Plattform für digitale Jugendbeteiligung. Diese Plattform ist für die Sicherung von Kontinuität in diesem Bereich verantwortlich, bündelt entsprechendes Wissen, Erfahrungen, Materialien und Werkzeuge, reflektiert Ergebnisse des internationalen Austauschs, koordiniert Qualifizierungen, bietet eine Übersicht der Weiterbildungsmöglichkeiten und eröffnet Fortbildungsangebote. Sie baut Netzwerke auf und pflegt sie. In Form zentraler Veranstaltungen und Fachforen, durch Veröffentlichungen (möglichst online) und Online-Dokumentationen werden der Transfer und die Verbreitung des Know-hows sowie der Ergebnisse abgesichert. An zentraler Stelle werden zielgerichtet das Anliegen der Stärkung und Förderung von Jugendbeteiligung weiterentwickelt und aktuelle Diskussionen angestoßen.

Die Plattform regt also an, Beteiligung zu initiieren und umzusetzen. Dabei richtet sie sich an verschiedene Zielgruppen und stellt prozessorientierte Qualifizierungen, Beratung, Arbeitshilfen und Austauschformate zur Verfügung. Sie macht Angebote an Jugendliche und für Verwaltungen, pädagogische Fachkräfte, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie Verbände.

Zudem können lokale Akteure und Entscheidungsträger/-innen kompetent und wirkungsvoll im Sinne von gelingender Partizipation unterstützt werden. Dies gelingt am besten auf persönlicher Ebene mit konkreten Ansprechpersonen − beispielsweise im Rahmen von Peer-Beratung.

Für eine zentrale Plattform für Jugendbeteiligung sind entsprechende Ressourcen sowie eine technische und personelle Infrastruktur notwendig. Erstrebenswert ist darüber hinaus die Einrichtung entsprechender Servicebüros auf kommunaler und Landesebene und in anderen regionalen Zusammenhängen. Die zentrale Plattform sollte in Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Organisationen realisiert werden.

Durch Qualifizierungsangebote werden die Ansätze von (e)Partizipation verbreitet und weiterentwickelt. 

Besonders hervorzuheben sind die Qualifizierungsbedarfe auf verschiedenen Ebenen, zum Beispiel in der kommunalen Verwaltung, aber auch bei Jugendlichen, Fachkräften und Organisationen. Dazu bedarf es eines Beratungsnetzwerkes. Denn um Ansätze der (e)Partizipation von Jugendlichen zu entwickeln und weiter zu verbreiten, sind bedarfsgerechte und prozessbegleitende Qualifizierungsangebote wichtig, die verschiedene Akteure im Prozess in einen Austausch bringen.

Im Projektrahmen von youthpart und youthpart #lokal hat sich die Bedeutung der Arbeit mit einem starken Multiplikator/-innen-Netzwerk vor Ort und der Bedarf an grundlegender Qualifizierung mit Blick auf ein Beteiligungsverständnis sowie die kontinuierliche Vermittlung spezifischer methodischer Zugänge (online/offline) gezeigt.

Die Qualifizierungsangebote sollten auf Grundlage der vorliegenden Guidelines entwickelt werden. Zudem sollten Ist-Stand-Analysen bereitgestellt und selbst erarbeitet werden – bezogen auf konkrete Verfahren und Software, Analysen und Empfehlungen.

Materialien müssen entwickelt und unter einer freien Lizenz zur Verfügung gestellt werden sowie als Open Educational Resources Bearbeitungen und Wiederveröffentlichungen in projektbegleitenden Qualifizierungsmaßnahmen ermöglichen.

Neben der Bündelung und (Weiter-) Entwicklung verschiedener Projektbausteine − wie beispielsweise Beratung, Empfehlung, Tools/Software-Entwicklung und Good-Practice-Erfahrung − sollte auch die Entwicklung der Materialien unter einem gemeinsamen Dach einer Plattform für Jugendbeteiligung gebündelt werden.

Bereits die Bereitstellung von Informationen kann Partizipation ermöglichen.

Informationen sind elementare Grundlage für (e)Partizipation. Verwaltung und Politik müssen Daten und Information offen zur Verfügung stellen (open data). Dabei ist der Prozess der Informationsrezeption zu berücksichtigen sowie die Aufbereitung von Informationen. Für beide Prozesse stellen digitale Medien gute Rahmenbedingungen für die Förderung von Partizipation dar. Eine der Erkenntnisse aus dem Projekt youthpart ist, dass im Prozess der Meinungsbildung auch Informationsverarbeitung, die nicht in Schriftform, sondern in Bild oder Ton geschieht, als gleichwertiger Beitrag in der Diskussion gewertet werden sollte. In diesem Sinne ist eine Aneignung und kreative Aufbereitung von Informationen von Jugendlichen und durch Jugendliche zukünftig auch durch gezielte Maßnahmen zu unterstützen. Im Rahmen von youthpart konnte ein Erfahrungsaustausch erster Initiativen in diesem Bereich angestoßen werden. Diese Ansätze sollten weitergeführt werden.

Damit verbunden ist die Förderung von Kompetenzen der unterschiedlichen Akteure gerade im Umgang mit digitalen Medien − u.a. Coding, Aufbereiten von Informationen durch Jugendliche in Text und audiovisuellen Medien/Medienprodukten bzw. aktivierenden und motivierenden Handlungsansätzen − als Voraussetzung für Partizipation in der digitalen Gesellschaft.

Die Anpassung der rechtlichen Rahmenbedingungen schafft eine stärkere Verbindlichkeit für Jugendbeteiligung.

Um Jugendbeteiligung auf Dauer stärker zu implementieren und verbindlich zu gestalten, müssen  die rechtlichen Rahmenbedingungen überprüft und angepasst werden. Beteiligungsverfahren könnten an juristischen Einsprüchen scheitern, z.B. bei der Verwendung urheberrechtlich geschützter Architektenentwürfe oder an Verfahrensabläufen, die der Gemeindeordnung widersprechen. Oft ist auch die Ansprache von Jugendlichen in Schulen mit Hürden versehen oder die Nutzung von Facebook als Kommunikationsplattform erschwert. Letztlich bleibt die Frage offen, wer die Rechte an dem Ergebnis der Jugendbeteiligung reklamieren kann. Es gibt vielfältige Bereiche, in denen die bisherigen Rahmenbedingungen nicht mit den Ansprüchen übereinstimmen − hier sind noch weitere Lösungen gefragt.

Der Fachbeirat des Projekts youthpart schaut hoffnungsvoll in die Zukunft und freut sich auf die weitere Entwicklung der Jugendbeteiligung in Deutschland und Europa.

Dieser Beitrag steht unter der Creative Commons Lizenz CC-BY-ND 3.0 DE

Jürgen Ertelt
Author: Jürgen Ertelt

*1957, Sozial- und Medienpädagoge, arbeitet als Koordinator im Projekt „youthpart - Jugendbeteiligung in der digitalen Gesellschaft“ bei IJAB e.V., Fachstelle für internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland, in Bonn. Dort ist er u.a. für die Modellentwicklung von Partizipationsmöglichkeiten mittels Internetangebote verantwortlich. Dabei stehen Beteiligungsmöglichkeiten Jugendlicher in eGovernment-Angeboten im Fokus. Als Webarchitekt realisiert er Konzepte für die pädagogische Arbeit mit vernetzten digitalen Medien. Jürgen Ertelt ist seit mehr als 30 Jahren medienpädagogisch aktiv. Politisch engagiert er sich zu Herausforderungen des Internets mit Blick auf Demokratie, Staat und Gesellschaft.

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